• Die Löcher im Käse

Die Löcher im Käse

26.08.2021 ÜSÉ MEYER, Journalist

Berner Mittelland – Schön ist die Velotour von Langnau im Emmental bis nach Thun. Und schön weit, mit viel Auf und Ab. Dank E-Bike geht dies aber ohne Schweissvergiessen. So kann man die urchige Hügellandschaft ruhigen Atems geniessen.

Eigentlich ist die Gegend hier für «Nichts» weltberühmt – nämlich für die Löcher in ihrem Exportschlager, dem Emmentalerkäse. Der wird auf einem amerikanischen Wissensportal so beschrieben: «Emmental cheese is a creamy colored cow’s milk cheese with characteristic large holes.» Und als Synonym für «undicht, durchlässig» hat das «Nichts im Etwas» sogar einen Eintrag im Duden gefunden: «Löchrig wie ein Schweizer Käse.» Die Produktion des legendären Emmentaler-Käses hatte das Dorf Langnau Ende des 18. Jahrhunderts zu einem der wichtigsten Wirtschaftsstandorte des Kantons Bern gemacht. Von hier surren wir mit unseren E-Bikes los, 72 Kilometer Wegstrecke haben wir bis zu unserem Ziel Thun vor uns. Fünf schwarze Balken zeigen die Displays unserer Velos an – die Akkus sind voll.

Die ehemalige Wallfahrtskirche Würzbrunnen in Röthenbach. BILDER SPOT MAGAZIN FOTOGRAF

Langnau lassen wir hinter uns und überqueren die Emme via Schüpbach-Brücke – eine historische Bogenbrücke aus Holz, wie es im Emmental viele gibt. Bald schon sind wir, wie so oft auf dieser Tour, auf einem kleinen Teersträsschen unterwegs, das gerade mal Platz für zwei Velos nebeneinander bietet. Von Autos werden wir kaum behelligt. Überhaupt ist die Landschaft weit, hier gibt es noch grosse, kaum besiedelte Flächen. Hie und da ein Bauernhof mit den für die Region typischen bis fast zum Boden reichenden Walmdächern, ansonsten vor allem Wald, Weiden und Wiesen. Wir passieren eine Weide mit Schafen und süssen kleinen Lämmchen. Schaf- und Ziegenherden werden wir heute noch oft sehen – und Kühe, sehr viele Kühe. Kein Wunder: Immerhin benötigt man für ein Kilo Emmentaler-Käse rund zwölf Liter Milch.

Fliegend an den Schönheiten vorbei

Seine Löcher und seinen Geschmack verdankt der Emmentaler Säurebakterien, die sich an die Fettanteile der Milch heften und Kohlenstoffdioxid sowie Propionsäure freisetzen. Leider fehlte den Emmentalern die Weitsicht, ihren Käse schon früh schützen zu lassen – weshalb heute unter diesem Namen weltweit Käse hergestellt wird, der abgesehen von den Löchern meist nicht viel mit dem Original zu tun hat. «Weit ist sein Gesichtskreis nicht, aber das Nächste sieht er klug und scharf», beschrieb vor knapp 200 Jahren der Dichter und Emmentaler Pfarrer Albert Bitzius, besser bekannt unter seinem Pseudonym Jeremias Gotthelf, den typischen Bewohner des Tals.

Nur noch drei Balken zeigt das Akku-Display – was bei den vielen Steigungen nicht verwundert, die wir hinter uns haben. Wohlgemerkt ohne einen Schweisstropfen zu verschwenden – der elektrischen Tretunterstützung sei Dank. Fast schon müssen wir aufpassen, dass wir mit unseren E-Bikes nicht an den Schönheiten der Gegend vorbeifliegen: blühende Obstbäume, Blumenwiesen, die bis zum Horizont in Gelb, Violett und Weiss leuchten, gurgelnde Bächlein. Oder das schmucke Kirchlein von Würzbrunnen, das durch viele Gotthelf-Verfilmungen bekannt wurde und heute ein beliebter Ort für Hochzeiten ist. Das Einzige, was wir vermissen: Restaurants entlang der Strecke. Wenn wir mal wieder einen Weiler mit zehn, fünfzehn Häusern durchqueren, dann hat es neben den Bauernbetrieben eher eine Autogarage oder ein Sägewerk als einen Ort zur Einkehr.

Auf der Herzroute mit dem E-Bike von Langnau nach Thun. Der erste Abschnitt führt durchs Emmental, das einem hier seine ganze Schönheit präsentiert.

Saft für die Akkus, Most für die Radler

Dann wird statt getrunken halt gesungen. Zwar nicht ganz unpassend, aber doch unnötigerweise stimmt jemand aus unserer Gruppe den Refrain eines unsäglichen Karnevalsliedes an: «Hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse, denn nun geht sie los unsere Polonaise ...» Tatsächlich fliegen uns kurz darauf beim Mittagessen sozusagen die Löcher aus dem Käse: Der Wurst-Käse-Salat enthält statt Emmentaler den lochlosen und erst noch ausserkantonalen Gruyère. Blasphemie! Nach dem Mittagessen geht das Auf und Ab dann erst richtig los. Wir sind jetzt bereits in der Region Thun unterwegs und die Restaurant- Dichte nimmt wieder zu. Zwar würde unser Akku wohl gut bis Thun durchhalten, trotzdem machen wir einen Halt bei der Akkuladestation des «Horrenbach Palace». Hier, im ehemaligen Schulhaus, lebt der Künstler und Autor Heinrich Gartentor. Neben Saft für die Akkus bietet er in einem Kühlschrank zur Selbstbedienung ausserdem Getränke und Snacks aus regionaler Produktion an. Nach der Rast gehts weiter. Und bald erblicken wir die einzige Pyramide der Schweiz – den Berg Niesen. Aufgrund seiner Form wird er international tatsächlich auch als «The Swiss Pyramid» vermarktet. Nochmals fünf Minuten später reicht das Panorama bereits über den nun unter uns liegenden Thunersee bis zu Eiger, Mönch und Jungfrau.

Vom Örtchen Schwendi auf gut 1100 Metern über Meer geht es nun fast 600 Höhenmeter hinunter bis nach Thun. Das garantiert nochmals rasante Abfahrten, die Konzentration erfordern. Unten in der Ebene ist es gleich zwei, drei Grad wärmer, und bald erblicken wir das Schloss Thun mit seinen vier Ecktürmen. Am Mühleplatz, mitten in der Stadt und direkt an der Aare, herrscht dann mit den vielen Strassencafés ein fast schon mediterranes Ambiente. Weil von hier aber auch Eiger, Mönch und Jungfrau bestens zu sehen sind, wird einem doch gewahr, dass man nicht an der Riviera, sondern im Land der Berge und des Käses ist.

Veloland, Herzroute

Anreise/Rückreise: Mit dem Zug nach Langnau im Emmental/retour ab Thun

Herzrouten-Etappe 4: Langnau i.E. – Signau-Röthenbach i.E. – Eriz – Horrenbach – Schwendi – Buchen – Steffisburg – Thun

Dauer: reine Fahrzeit ca. 4 h (mit E-Bike)

Anforderung: leicht (mit E-Bike)

Länge: 72 Kilometer

Höhenmeter: 1300 Meter

Fahrrad-Miete: Preise und Mietstationen unter www.rentabike.ch 

Weitere Informationen: www.veloland.ch, www.herzroute.ch