• Bahnreise durch drei Sprach- und Kulturregionen

Bahnreise durch drei Sprach- und Kulturregionen

05.08.2021 RETO WESTERMANN, Journalist

Unesco-Welterbe Schweiz – Auf der Fahrt über die Albula- und Berninabahnlinie reiht sich Fotomotiv an Fotomotiv.

Kurz bevor der Zug von Chur nach St. Moritz die Station Filisur erreicht, bricht in den Wagen der Rhätischen Bahn jeweils Hektik aus. Kameras werden gezückt, alle stürzen auf die rechte Seite, um einen Blick auf eines der Highlights dieser Bahnreise zu erhaschen: das 65 Meter hohe Landwasserviadukt. In einer eleganten Rechtskurve quert es das Tal und endet abrupt an einer Felswand. Die Kameras klicken, und Sekunden später taucht die Zugkomposition in den direkt folgenden Tunnel. Das Landwasserviadukt ist nur eines der weit herum bekannten Fotomotive entlang der schmalspurigen, 122 Kilometer langen Bahnstrecke durch das Albulatal und über den Berninapass. Die Strecke führt zwischen Thusis (GR) und Tirano (I) über 196 teils spektakuläre Brücken und durch 55 Tunnels. Erbaut wurden sie zwischen 1898 und 1910 von bis zu 5000 meist italienischen Gastarbeitern unter heute unvorstellbaren Bedingungen.

Wer die ganze Strecke befährt, durchquert drei Sprach- und Kulturregionen sowie mehrere Klimazonen. Trassee und Landschaft bilden dabei eine harmonische Einheit. Denn die Erbauer haben die Landschaft für den damals bereits aufkeimenden Tourismus regelrecht inszeniert. Diese Einheit von Landschaft und Technik war 2008, neben der für die Bauzeit beispielhaften Ingenieurleistung, mit ausschlaggebend für die Aufnahme der Bahnstrecke in die Unesco-Welterbeliste.

  

Keine Baustelle für schwache Nerven. Lehrgerüst über die tiefe Cavagliasco-Schlucht, 1908. Eröffnung des Albulatunnels (1903). Der kommerzielle Betrieb begann am 1. Juli 1903. Anno dazumal: Kreisviadukt bei Brusio. (BILDER RHB, v.l.n.r.)

Vom Gletscherwasser zu den Palmen

Der bequemste Weg, das Welterbe kennenzulernen, ist der «Bernina Express», der dank Panoramawagen eine besonders gute Aussicht bietet. Auf der mehr als vierstündigen Fahrt ab Chur reihen sich die landschaftlichen und eisenbahntechnischen Höhepunkte wie Perlen an einer Kette aneinander: Kurz nach Thusis führt die Strecke durch die wilde Schinschlucht und bald schon über das Landwasserviadukt. Oberhalb von Bergün schraubt sich der Zug dann durch ein verwirrendes Karussell mit Kehr- und Spiraltunnels nach Preda hoch und wechselt dabei viermal die Talseite. Wer hier aussteigt, kann zum Palpuognasee hochlaufen, der als einer der schönsten Flecken der Schweiz gilt. Von Preda fährt der Zug schliesslich durch den Albulatunnel ins Engadin und steil zum Berninapass auf 2253 Metern hoch. Die letzten Bäume bleiben zurück, und den Zugreisenden eröffnet sich die Aussicht auf die Engadiner Bergwelt mit Piz Bernina und Piz Palü. Auf der Passhöhe folgt mit dem Lago Bianco ein weiterer Höhepunkt: Das Schmelzwasser der Gletscher gibt dem See seine einzigartig milchig-blau-grüne Färbung. Weiter südlich macht die karge Hochgebirgslandschaft den Kastanienwäldern und Palmen im mediterran geprägten Puschlav Platz. Und bald schon überquert der Zug die Grenze nach Italien: «Benvenuti a Tirano – stazione terminale».

Rhätische Bahn Albula / Bernina

Ausflugstipps ums Welterbe

  • Museum: In die beeindruckende Geschichte der Bahnlinie eintauchen bei einem Besuch im Bahnmuseum Albula in Bergün. Buchbar über: www.welterbeticket.ch 
  • Wandern: Auf dem Bahnerlebnisweg zwischen Preda und Bergün beobachten, wie sich die Züge über Viadukte und durch Kehrtunnels in die Höhe schrauben.
  • Gletschermühlen: Ein kurzer Spaziergang von der Bahnstation Cavaglia an der Berninalinie zu den Gletschermühlen und dort die Urkraft der Natur entdecken.

Unesco-Welterbestätten Schweiz

Das Unesco-Label «Welterbestätte» erhalten ausschliesslich Kulturund Naturgüter von «aussergewöhnlichem universellem Wert». Die Schweiz verfügt über zwölf Unesco-Welterbestätten. Sie alle stehen für die bedeutendsten Natur- und Kulturschätze unseres Landes – ein Muss, sie gesehen und erlebt zu haben. Der Schweizerische Hauseigentümer stellt dieses Jahr in loser Folge einige dieser Stätten vor.