• Am Schweizer Mittelmeer

Am Schweizer Mittelmeer

02.09.2021 ÜSÉ MEYER, Journalist

Ostschweiz – Man wähnt sich in Südeuropa, befindet sich aber am Walensee: Die Wanderung von Weesen nach Quinten bietet nicht nur Italianità, sondern auch Naturspektakel.

Man muss mit Matthew Good, dem Verfasser folgender Textzeilen, Nachsehen haben: «Du suchst Frieden? Dann schlag im Lexikon nach – unter ‹F›.» Der kanadische Rockmusiker kann nicht wissen, dass man unter «B» wie Betlis nachschlagen sollte. Betlis ist ein kleiner Weiler ausserhalb von Weesen: Zwei Dutzend Häuser, die weitläufig über eine direkt über dem Walensee liegende Wiesenfläche verstreut sind. Ja, und in Betlis lässt man sich ohne schlechtes Gewissen zu Klischeesätzen hinreissen wie: «Hier ist die Welt noch in Ordnung.» Auf den Wiesen blühen Butterblumen, Margeriten und Klee zu Tausenden, und den Kiesweg säumen Holzställe und schmucke Häuschen mit noch schmuckeren, bis ins letzte Detail gepflegten Gärten. Wer hier nicht den Fotoapparat zückt, muss ziemlich abgebrüht sein – denn selbst die weiss-braunen Geissen mit ihren langen Schlappohren sind äusserst fotogen und schmeissen sich auf dem Miststock in Pose.

Das Südufer des Walensees ist sonnenverwöhnt, hier gedeihen selbst Palmen, Kiwipflanzen und Feigenbäume. Und dem nicht genug, stürzt sich gleich hinter Betlis der höchste Wasserfall der Schweiz über die Felswände.

Zwei Naturschauspiele auf einen Schlag

Gestartet sind wir in Fli, einem Ortsteil von Amden. Nach einem rund 40-minütigen Fussmarsch entlang des Seeufers kommt man im «Paradiesli» in Betlis an. So nennt sich das eine von zwei Restaurants im Ort und wirbt mit dem Slogan «traumhaft abgelegen». Seit 24 Jahren führt hier das Wirtepaar Regula Basler und Bruno Gugele das Ruder. Neben der Führung des Landgasthofs stecken die beiden viel Zeit in die Pflege des eigenen Gartens und in die Zubereitung hauseigener Speisen. So werden hier etwa der Kuchen oder das Brot selbst gebacken, das Gemüse kommt aus dem Garten und die Kiwi- oder Feigenkonfitüre wird aus den Früchten, die rund um das Haus wachsen, hergestellt. Von der schon am Morgen gut besetzten Restaurant- Terrasse schweift der Blick über den See zum imposanten Gipfel des Mürtschenstocks, der mit dem Matterhorn eine gewisse Ähnlichkeit hat.

 

Nach kurzer Rast machen wir uns auf zu zwei Naturschauspielen, die bequemerweise gleich nebeneinander liegen: zu den Seerenbachfällen und zur Rinquelle. Die Seerenbachfälle bestehen aus drei Kaskaden, die mit ihrer Gesamthöhe von 585 Metern zu den Top-30 der höchsten Wasserfälle der Welt gehören. Die Rinquelle ist der Überlauf eines grossen unterirdischen Flusssystems im Fels, wo das Wasser während der Schneeschmelze oder nach ausgiebigen Regenfällen aus dem Berg schiesst. Der Weg ist nun nass und rutschig. Direkt bei den tosenden Fällen bläst ein kühler Wind, und die Luftfeuchtigkeit beträgt wohl gegen 99 Prozent. Kein Wunder: Auf ihrem langen Weg nach unten zerfallen die Wasserschwaden der Seerenbachfälle zu Staub. Gleich daneben tritt die Rinquelle aus dem Nichts unter dem Blätterdach hervor und stürzt sich 45 Meter tief in die Schlucht und den wilden Seerenbach. Über die Schlucht führt eine kleine Seilbahn, die von Höhlentauchern für den wackligen Material- und Personentransport genutzt wird.

Steilküste ins Ostschweizer Mittelmeer

Der «sechste Kontinent», wie die Höhlenforscher die Welt unter Tag nennen, hat gerade hier bei der Rinquelle seit den Sechzigerjahren die Abenteurerfantasie und den Entdeckergeist vieler geweckt. Im Jahr 1973 versuchte der bekannte Höhlentaucher Jochen Hasenmayer herauszufinden, woher das Wasser der Rinquelle kommt. Er schaffte es 930 Meter weit in den Berg hinein, entdeckte Seen und luftgefüllte Räume, nicht aber die Herkunft des Wassers. Etliche Tauchexpeditionen, die aufgrund des niedrigen Wasserstandes meist im Winter stattfanden, versuchten sich nach ihm an der gleichen Aufgabe. Erforscht wurden 1450 Meter Unterwassergänge, doch das Geheimnis der riesigen Karstquelle konnte bis heute nicht gänzlich gelüftet werden. Sicher ist jedoch, dass zum Einzugsgebiet der Rinquelle die Nordhänge der Churfirsten gehören.

Unser Weg führt nun grösstenteils durch den schattenspendenden Wald und steigt stetig leicht an. Das Laubwerk der Bäume und Büsche präsentiert uns eine Chlorophyll-Symphonie, die von Oliv- über Linden-, Flaschen- und Pfefferminz- bis ins Zitronengrün geht. Und knapp 200 Meter senkrecht unter uns glitzert das mittelmeerblaue Wasser des Walensees. Gerade im letzten Abschnitt der Wanderung, der uns hinunter nach Quinten führt, fällt der Hang rechts vom Weg oft schauerlich steil und tief ab, was aber kein Problem ist, da diese Passagen mit einem Drahtseilzaun gesichert sind. Das Zirpen der Grillen, die Palmen, Feigenbäume und die diversen kleinen Rebhänge kündigen an, dass wir nun in Quinten angekommen sind, von wo aus wir mit dem Schiff zurück nach Weesen fahren werden. Der hübsche 60-Seelen-Ort ist nur zu Fuss oder auf dem Wasserweg erreichbar, die Strässchen sind alle ungeteert, und im Feuerwehrdepot steht nur ein kleiner Schlauchwagen. Südliches Ambiente liegt auch hier in der flimmernden Luft und man realisiert: Wer nach etwas Frieden sucht, könnte auch unter «Q» nachschlagen.

Entlang der Walensee-Riviera

Anreise / Rückreise: Mit Bahn und Bus bis zur Busstation Fli / Seestern, retour mit dem Schiff von Quinten nach Weesen und weiter mit dem Bus.

Wanderung: Fli – Betlis – Seerenbachfälle / Rinquelle – Quinten (ca. 11 km).

Dauer: ca. 3,5 h.

Anforderung: mittlere Kondition.

Variante: Die Wanderung kann von Quinten auch bis Walenstadt-Berg oder Walenstadt ausgedehnt werden (+ ca. 2,5 bzw. 3,5 h).

Schifffahrt: Bis zum 24. Oktober gibt es täglich mehrere Verbindungen von Quinten nach Weesen. www.walenseeschiff.ch 

Infos: Tourismusbüro Amden / Weesen: www.amden.ch